ATTILA JÓZSEF: AN DER DONAU
I.
Am Kai dicht unten am Wasser hab ich gesessen,
Eine Melonenschale im Blick, schaukelnd davongetrieben,
Hatte kein Ohr, ganz von mir selbst besessen,
Für das Schwätzen des Wassers, sein Schweigen in den Tiefen.
Ein gewaltiger Strom, der meinem Herzen enftloß,
Das war die Donau, wirr, weise und groß.
Wie der Körper des Menschen bei Schwerstarbeit,
Wenn er schleift, hämmert, ziegelt und gräbt,
Sich dehnt und spannt und neu befreit
War jede Welle, jedes Wasserwogen.
Wie meine Mutter mich wiegte, wie sie erzählte,
Und mit dreckiger Wäsche der ganzen Stadt sich quälte.
Regen begann zu tröpfeln wie auf ewig,
Doch als sei es egal, hörte er auf und schwand.
Und dennoch, wie einer aus tiefem Käfig
Den langen Regen sieht – sah ich das Land:
Da fiel, wie eben Regen fällt, in immer gleicher Dichte
Grau in grau, was einmal bunt war, die Geschichte.
Die Donau floss und floss. Und wie das Kleinkind
Im warmen Schoß der fürsorglichsten Mutter,
So trieben Wellen und der Wind
Ihr Spiel und lächelten mir zu.
Sie bebten zitternd in der Flut der Zeiten
Wie Friedhofsgräber, wenn sie taumelnd gleiten.
II.
Was ich vor Augen habe schon seit tausend Jahren,
Wird plötzlich sichtbar, so ist das bei mir.
Was Tausende von Ahnen mit mir sahen,
Ist plötzlich fertig und als Zeitenganzes hier.
Was sie nicht sahen vor lauter Schweiß und Zwängen,
Vor Liebe, Mord und was der Tag verlangt,
Ich seh’s. Sie aber sehen unten in den Dingen,
Was ich nicht sehe, offen sei’s bekannt.
Ihnen gehört das Jetzt, mir die Geschichte.
Wir kennen uns wie Freude das Leid.
Sie fassen meinen Stift – so schreiben wir Gedichte,
Ich spüre sie, erinnerungsbereit.
III.
Kumanin die Mutter, mein Vater halb Székler,
Halb Rumäne, oder vielleicht auch ganz, wer weiß.
Süß war das Essen aus dem Mund meiner Mutter,
Schön war die Wahrheit aus dem Mund meines Vaters.
Wenn ich mich rühre, umarmen sie einander.
Das versetzt mich manchmal in Melancholie –
So ist der Lauf der Welt. All das bin ich. „Warte,
Bis wir erst tot sind!…” – so sagten sie.
Sagten sie, denn sie, das bin jetzt ich;
Mein schwaches Dasein hat sich so verstärkt,
Voller Erinnerung bin ich allein mehr als die vielen,
Spüre all die Ahnen bis ind die kleinsten Zellen –
Urahne bin ich, der sich vielfach spaltet:
Glücklich verwandelt in den Vater, in die Mutter,
Auch die verdoppeln und verwandeln sich,
Auf dass ich mich vermehre zu einer großen Seele!
Die Welt bin ich – alles Gewesene ist gegenwärtig:
Die vielen Generationen, die aufeinanderprallen.
Ich bin unter den Landeroberern, den längst toten,
Doch genauso quält mich das Leid der Besiegten.
Sieger und Verlierer, Tyrann und Rebell –
Türken, Tataren, Slowaken und Rumänen, sie
Sind eingemengt in dieses Herz, da seiner Geschichte
Eine friedliche Zukunft schuldet – ihr Ungarn heute!
…Ich will arbeiten. Es ist Kampf genug
Der eigenen Herkunft offen sich zu stellen.
Geschichte, Gegenwart und Zukunft wie in einem Zug,
Das alles faßt die Donau, ihre weichen Wellen.
Den Kampf, den unsre Ahnen blutig schlugen,
Erinnerung löst ihn, Friede kommt in Sicht,
So findet unser schweres Werk endlich die Fugen,
Das ist zu tun; und leicht, leicht wird es nicht.